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Im Dunkeln spielen die Sinne verrückt

Der international bekannte Bassist und Komponist Jasper Høiby hat das Experiment gemacht, Konzerte im Dunkeln zu spielen. Der Ausgangspunkt war ein tragischer, aber das Ergebnis empfand er befreiend und heilend.

Vor nunmehr zehn Jahren, es war Frühling, hatte Jasper Høibys Schwester Probleme mit ihren Augen. Sie suchte einen Augenarzt auf, der meinte in Hinblick auf die bevorstehenden Sommerferien, es sei gerade nicht der richtige Zeitpunkt für eine Behandlung. Drei Monate später hatte Høibys Schwester ihre Sehkraft verloren – sie hatte Grünen Star bekommen.

„Liebe Schwester, jetzt, da deine Augen nicht mehr funktionieren, sollst du
etwas für deine Ohren bekommen“ - Jasper Høiby

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Das Leben von Jasper Høibys Schwester war seit jeher von Musik geprägt. Sie mochte Kim Larsen, Paul Simon und Stevie Wonder. Ihr Schicksal wurde dann zur musikalischen Inspiration für das Album "Green Delay", das Jasper Høiby 2009 mit dem Jazz-Trio Phronesis veröffentlichte.

„Liebe Schwester, jetzt, da deine Augen nicht mehr funktionieren, sollst du etwas für deine Ohren bekommen", schrieb er auf das Plattencover, das ihr Porträt auf der Vorderseite zeigt. Diese Geste brachte ihm großartige Kritiken von Medien wie The Guardian und allaboutjazz.com ein.

Als Jasper Høiby über Blindsein und Musik nachdachte, entwickelte er die Idee, Konzerte in totaler Dunkelheit zu schaffen. Jeder weiss, dass Stevie Wonder und Ray Charles in der Lage waren, Evergreens zu schreiben und aufregende Konzerte zu spielen, obwohl sie blind sind. Aber was würde passieren, wenn eine Gruppe von Musikern mit dem Publikum in die Dunkelheit tauchte?

 

Die Sinne spielten verrückt

Høibys Projekt bekam den Titel Pitch Black. Und das Konzept mussten Jasper Høiby und seine Bandkollegen, der Schlagzeuger Anton Eger und der Pianist Ivo Neame, erst einmal für die Bühne anpassen.

„Da Jazz auf Improvisation basiert, war es wichtig einen Weg zu finden, wie wir auf der Bühne kommunizieren können. Normalerweise machst du es mit einem Nicken oder Lächeln, aber das geht im Dunkeln nicht. Stattdessen schufen wir kleine musikalische Charaktere, wie eine stumpfe Melodie, die den anderen mitteilte, dass wir jetzt zu einem neuen Stück wechseln.“

Im Proberaum zogen sich die drei Musiker Schlafbrillen über die Augen und spielten. Jasper Høiby spürte bereits hier eine Veränderung.

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„Die Dinge wurden umso deutlicher, je weniger ich sehen konnte. Es war, als ob die verbleibenden Sinne verrückt spielten und ich fühlte, dass die Musik viel besser war. Aber es war nichts gegen das, was ich bei dem Konzert erlebt habe.“ Phronesis spielten beim Brecon Jazz Festival im August 2011 ihre Premiere von Pitch Black. Während des ersten Songs wurde das Licht langsam gedimmt. Die drei Musiker wurden für das Publikum zu Silhouetten. Schließlich verschwanden sie. Auch für einander.

”Man kan få super meget ud af at lytte til musik i mørke. Musik kan skabe en meditativ tilstand, og den er lettere at blive draget ind i, hvis du lukker alt andet ude."

„Ich habe festgestellt, wie viel Freiheit es gibt, unabhängig vom visuellen Erscheinungsbild zu sein. Wir ließen unsere Körper wirklich rocken und dachten nicht daran, wie wir aussahen. Ich spürte an einem Punkt, dass Anton von seinem Trommelhocker heruntersprang und auf der Bühne zu trommeln begann. Gleichzeitig war das gemeinsame Erlebnis mit dem Publikum enorm stark. Wir bemerkten die Anteilnahme, niemand lenkte sich ab, indem er aufstand und ging, oder saß und Fotos machte. Es ging einzig und allein um die Musik“, sagt Jasper Høiby.

 

Ein heilender Zustand

Dass das Publikum eine intensive Erfahrung hatte, wurde durch die Resonanz nach dem Konzert bestätigt. Sowohl von den Konzertbesuchern als auch von begeisterten Kritikern. Tatsächlich war die Show so überwältigend, dass ein Zuschauer bei der folgenden Aufführung von Pitch Black ohnmächtig wurde und herausgeholt werden musste.

Der Arbeit mit abgedunkelten Konzerten folgte das Album 'Walking Dark' und eine klare Haltung gegenüber dem Wert des Musikhörens im Dunkeln:

„Man kann im Dunkeln sehr gut Musik hören. Musik kann einen meditativen Zustand erzeugen. Und es ist einfacher, sich hineinziehen zu lassen, wenn du alle anderen Sinne vernachlässigst. Klar, kannst du Musik zu hören, während du staubsaugst, oder im Bus sitzt und dein Instagram aktualisierst. Aber im Dunkeln hört man zu, ohne an irgendetwas anderes zu denken. Es ist ein heilender Zustand. Du vergisst dich selbst. Du bist in der Gegenwart. Musik wirkt wie eine Art Yoga für "normale" Menschen.“

Jasper Høiby und Phronesis sind kontinuierlich auf der ganzen Welt unterwegs und Songs aus den Alben "Green Delay" und "Walking Dark" finden immer noch Platz auf der Setlist, vor allem “Suede Trees" und "Blue Inspiration".

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Jasper Høibys drei Platten, die im Dunkeln gut zu hören sind:

John Coltrane – Crescent (1964)

Es hat solch eine meditative, traurige Schwingung. Es ist nicht wild und wow, es ist einfach super schön.

 

Susanna and the Magical Orchestra – Melody Mountain (2006)

Es ist ein Album, das neue Interpretationen einiger der größten Songs bringt – von Namen wie Bob Dylan, Leonard Cohen und Joy Division. Das Sound besteht fast nur aus Keyboard und dieser leisen Sängerin. Aber es hat die wildeste Dynamik und wächst und wächst.

 

Radiohead – A Moon Shaped Pool (2016)

Dieser Pool ist in Wahrheit ein großer Raum, in den man eintauchen kann.

 

Bonus
Phronesis – Walking Dark (2012)

Ich denke, es könnte interessant sein, dieses Album zu hören, das wir nach unseren Dunkelkonzerten eingespielt haben. Mich würde interessieren, ob man es fühlen kann. Ich glaube, dass es wegen der Dunkelheit eine besondere Tiefe bekam.

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