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Höre Filmmusik und sieh ganz neue Bilder

Musik ist ein diskreter aber entscheidender Bestandteil eines jeden Films. Und obwohl sie an die Bilder angepasst ist, kann sie auch ohne diese existieren. Der international renommierte Filmkomponist Jacob Groth führt uns in die Welt der Filmmusik ein, gibt Tipps, was es wert ist anzuhören – und wie.

Stell dir folgende Filmszene vor: Die Kamera ruht auf zwei Personen, eine Frau spricht mit einem Mann. Sie sagt ihm, dass sie es versucht hat, wirklich versucht hat, aber jetzt muss sie ihn verlassen. In dem Moment, in dem sie tatsächlich geht, ertönt ein Klavier.

„Das würde man niemals machen“, sagt Jacob Groth.

„Weil man ein Klavier mit der Anwesenheit eines Menschen verbindet, der darauf spielt. Das Publikum würde denken: Wo ist der Pianist? Auf der anderen Seite funktionieren Streicher immer, weil ihre Wehmut von oben herab kommt, und es gibt ein Übereinkommen zwischen Film und Publikum, das den Streichern erlaubt, hinein schweben zu dürfen.“

Und so steigen auch wir tiefer ein, in die Feinheiten der Kreation von Filmmusik.

Jacob Groth komponiert seit 40 Jahren Musik für Film- und Fernsehserien, unter anderem für die Verfilmung der Millennium-Trilogie von Stieg Larsson und für zahlreiche Filme des Dogma-Mitbegründers Søren Kragh-Jacobsen. Derzeit arbeitet er an der amerikanischen Fernsehserie ‚Midnight, Texas‘ der NBC und pendelt zwischen seinem Studio in Kopenhagen und Los Angeles. Das Ergebnis seiner Arbeit bezeichnet man als ‚Score’, ein Begriff, der speziell für Film- oder Fernsehserien komponierte Musik beschreibt. Der Score muss mit allen anderen Audiobereichen eines Films zusammenwirken, z.B. den Dialogen, den Geräuschen, dem Ton und in einigen Fällen mit bereits existierenden Songs.

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Dialog ist am schwierigsten – und das kurzweiligste

An einigen Produktionen war Jacob Groth schon beteiligt, bevor die ersten Manuskriptseiten geschrieben wurden. In einem anderen Fall wurde er im letzten Moment hinzugezogen, um eine Produktion zu retten, deren Flow in den fertigen Abschnitten von der bestehenden Musik völlig ausgebremst wurde. Doch ganz unabhängig von der Ausgangssituation ist sein Ehrgeiz immer gleich:

„Es muss eine Transparenz in der Musik vorhanden sein, die sie erst in Verbindung mit den Bildern vollständig macht. Am besten macht seine Musik nicht zu komplex, eher wie eine Firnis über einer Leinwand“, erklärt er und weist auf den Dialog als das härteste – und kurzweiligste – Element hin:

„Wenn du eine Szene hast, in der ein Mann still in den Sonnenuntergang reitet, dann hast du als Komponist viele Freiheiten. Aber oft ist es viel aufregender, sich in Dialoge hineinzubegeben und sie auszukleiden zu müssen. Manchmal hört man einen guten Score und fragt sich: Wo ist eigentlich die Melodie? Das liegt daran, dass der Komponist einen Raum für die Wörter offen gelassen hat, damit die Musik als Begleitung funktioniert. Instrumente wie Oboe und weiche E-Gitarre sind in diesem Zusammenhang passend, weil sie gut mit dem menschlichen Körper harmonieren. Man würde niemals, wenn es sich nicht um einen bewussten Effekt handeln soll, ein Kazoo oder eine Mundharmonika einsetzen.“

 

Zuerst schauen, dann zuhören

Es gibt zahlreiche ungeschriebene Regeln, was funktioniert und was nicht. Zum Beispiel, dass die Snare Drum immer gut funktioniert, wenn das Tempo einer Geschichte erhöht werden soll. Oder dass tiefe Bläser die Ankündigung für ein nahendes, zerstörerisches Ende sind – so wie es z.B. in den beliebten Marvel-Filmen eingesetzt wird. Man sollte jedoch nicht denken, dass sich Jacob Groth durch die Konventionen des Filmgeschäftes eingeschränkt fühlt.

„Ich arbeite als kompromissloser Künstler mit größtmöglicher Freiheit. In meinen Augen sind die Konventionen innerhalb der Rock- oder Popmusik viel enger. In der Filmmusik ist alles erlaubt, solange es zu den Bildern passt. Ich habe schon Scores komponiert, wo auf experimentelle Gitarren in einer Szene, warme, Edvard Grieg inspirierte Klassik in der nächsten folgte. Solange die Musik zur Symbiose von Sinneseindrücken beiträgt, ist alles möglich“, sagt er.

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Wenn die Leute aus dem Kino kommen, hört Jacob Groth sie lieber sagen „Was für eine Geschichte!“ anstatt, dass sie sagen, „Was für eine Musik!“ – weil dies die angesprochene Symbiose der Sinneseindrücke unterstreicht. Umgekehrt haben Filmmusiken, die gut genug sind, für sich allein zu stehen, ein eigenes Publikum gewonnen – und er hat festgestellt, dass immer mehr Fans diese Leidenschaft teilen. Groth empfiehlt einen speziellen Weg, sich diese Musikform zu erschließen: „Wenn man sich mit Filmmusik beschäftigen mag, würde ich empfehlen, zuerst ins Kino zu gehen und einen Film als Film anzusehen und nicht weiter auf die Musik zu achten. Anschließend geht man entweder noch einmal ins Kino und konzentriert sich auf die Musik, oder man hört einfach die Musik isoliert. Man wird feststellen, dass man die Bilder des Films erinnert und vor sein geistiges Auge bringt, während man eigene, neue Bilder dazu erzeugt“, sagt er und konstatiert:

„Das ist, was ein guter Filmscore kann: Er trägt zur Geschichte des Films bei und erzählt eine eigene musikalische Geschichte.“

 

Drei Scores, die du laut Jacob Groth gehört haben solltest

Blade Runner (Vangelis, 1982)
Dies ist eine selten starke Symbiose zwischen einer visuell beeindruckenden Zukunftsvision und seiner Synthesizer-Musik. Ich denke, nur wenige Leute haben dies bewusst beim Ansehen wahrgenommen, weil sie in diesen Film hineingezogen wurden. Aber die Musik erzeugt enorm viele Bilder – wenn man sie isoliert hört.

Twin Peaks (Angelo Badalamenti, 1990)
Hier gibt es fast durchgehend Musik, und sie klingt wie anrüchiger Jazz, der sich in angestaubtem Rock'n'Roll versucht. Der Drummer setzt Besen ein, dazu Kontrabass und ein zurückhaltendes E-Piano. Alles dient auf faszinierende Weise dazu, die unterschwellige Erotik dieser Serie auszumalen.

Westworld (Ramin Djawadi, 2016)
Jeden Tag überlegen wir uns neu, was wir sehen möchten. Daher ist ein Intro höchst wichtig geworden, denn es bereitet das Publikum auf seine Erwartungen vor. ‚Westworld‘ macht so viel Spaß, weil es damit spielt und einen buchstäblichen Zusammenhang zwischen Ton und Bild herstellt. Das ist raffiniert gemacht, man wird in dieses Universum hineingezogen.

Schau und hör dir ebenso an: Bernard Herrmanns Musik für Alfred Hitchcocks Filme, Nino Rotas Arbeiten für Federico Fellini, Hans Zimmers Komposition für ‚Gladiator‘ und Stanley Myers Gitarrenkomposition ‚Cavatina‘, die in ‚The Deer Hunter‘ auftaucht.

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