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Musik weckt Erinnerungen

„Die besten Platten sind die, die man zuerst gar nicht so besonders fand“

Musik spielt mit unseren Erwartungen und so etwas liebt das Gehirn, sagt Peter Vuust, Musikexperte und Neurologe. Daher können wir bestimmte Lieder und Alben immer wieder hören.

Peter Vuust traute seinen eigenen Ohren nicht. Auf der Bühne sah er Paul Simon wie dieser ein Konzert mit 'America', einer 50 Jahre alten Simon & Garfunkel-Nummer eröffnete. Allerdings begleitet von einem Streichquartett und neu arrangiert. Dieses Erlebnis hatte er im Juli in Kopenhagen und Peter Vuust ist dabei etwas passiert, was selten vorkommt: die Tränen liefen über sein Gesicht.

Simon & Garfunkel ”America” live von Central Park

”Ich weiß nicht, warum ich geweint habe. Vielleicht, weil ich wusste, dass es das letzte Mal sein würde, dass ich ihn sah. Vielleicht wegen seines künstlerischen Ehrgeizes. Diesem besonderen Ehrgeiz, die Erwartungen der Menschen zu übertreffen", sagt er.

”Musik spielt mit unseren Erwartungen, stellt Fragen: was wird in einem Song passieren? Musik balanciert zwischen dem, was wir wissen und dem, was wir nicht erwarten,” - Peter Vuust

Das Konzerterlebnis zeigt zwei Motive, die laut Peter Vuust mit dem Musikhören verbunden sind: die Erinnerungsfähigkeit, die mit der Musik verknüpft ist, und das ständige Spiel mit unseren Erwartungen.

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Norah Jones auf Repeat

Peter Vuust weiß wovon er redet. Er ist ein bekannter Jazzmusiker und leitet ein Forschungszentrum zur neurologischen Wirkung von Musik.

"Musik unterscheidet sich von anderen Kunstformen in dem Sinne, dass die Grenzen der Wiederholung, die wir aushalten können, sich verschieben", sagt er - und erwähnt zum Beispiel Norah Jones’ Debütalbum.

"Das hatte etwas Besonderes, also dachte ich: das muss ich mir noch ein paar Mal anhören."

Es geht ihm damit wie Millionen anderen. Er hörte diese Songs von Norah Jones wieder und wieder. Genauso wie er früher die Beatles schon zehntausende Male gehört hat. Und Radiohead. Und Paul Simon. Und einige andere Künstler. Musik ist Peter Vuusts Leben. Er hört stundenlang Musik in seiner Villa in Aarhus. Im Bett. Im Badezimmer. Beim Bügeln.

Manchmal stellt er eine Songauswahl auf Repeat, um eine bestimmte Sequenz oder einen Höhepunkt genau herauszuhören.

"Musik spielt mit unseren Erwartungen, stellt Fragen: was wird in einem Song passieren? Musik balanciert zwischen dem, was wir wissen und dem, was wir nicht erwarten", erklärt er.

Reize fürs Gehirn

Unser Gehirn mag es, im Gleichgewicht zu bleiben. Dafür gibt es das Dopamin, einen Botenstoff, der Glücksgefühle auslöst. In diesem Sinne könnten wir uns wirklich als „Musikjunkies“ bezeichnen. Denn das Gehirn kann nicht genug von dem Stoff bekommen. Und Dopamin wird ausgeschüttet, wenn Musik unsere Erwartungen belohnt, aber noch mehr, wenn sie uns überrascht. Das gibt dann den maximalen Kick.

Die neurologische Wirkung hängt mit universellen Eigenschaften der Musik zusammen, erklärt Peter Vuust. Bei rhythmischen Klängen bezieht sich das zum Beispiel auf die Herzfrequenz und ein bestimmtes Tempo. Wenn sich die Musiker in diesem Bereich bewegen, nehmen wir das sehr deutlich wahr. Denn das Gehirn hat ein starkes schematisches Erinnerungsvermögen. Und einem bekannten Rhythmus, den wir als Zahlenfolge einmal abgespeichert haben, können wir besonders gut folgen.

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”Plötzlich spielt die Musik mit unserem schematischen Gedächtnis.”

Es ist vergleichbar damit, einen Ball zu sehen, der losgelassen wird und zu Boden fällt. Das ist normal und erwartbar. Würde der Ball der Schwerkraft trotzen und „nach oben fallen“, würde uns das überraschen und jedes Mal verstören, weil es unserem Denkschema widerspricht.

Ist Musik überraschend und innovativ, kann sie unvergänglich werden.

"Die allerbesten Platten sind die, die man zuerst gar nicht so besonders fand. Solche Musik hat etwas, das man beim ersten Hören nicht erfassen kann. Das kennzeichnet große Kunst. Sie kommt sehr einfach daher, hat aber eine Tiefe, die man erst mit der Zeit entdeckt. Eine Vielschichtigkeit, die uns immer wieder fasziniert“, sagt Peter Vuust.

Er findet, dass alle Arten von Musik ihren Reiz haben, auch manche Genres, die man normalerweise nicht aus eigenem Antrieb auflegen würde. Aber man sollte sich gerade bei Ungewohntem die Zeit nehmen, der Musik aufmerksam und konzentriert zuzuhören.

”Musik hat einen direkten Einfluss auf unsere Gefühle. Schon der erste Takt eines Liedes, nur eine Sekunde reichen oft, ein Gefühl zu erzeugen, das damit einmal verknüpft war. Musik versetzt uns intensiver in eine Erinnerung zurück, als beispielsweise ein Bild dies schaffen kann” - Peter Vuust

Erinnern und Vergessen

Das Gehirn erinnert sich automatisch, wenn wir Musik mit bestimmten Ereignissen verbinden. Den ersten Kuss, eine besondere Reise oder den ersten Vollrausch.

"Musik hat einen direkten Einfluss auf unsere Gefühle. Schon der erste Takt eines Liedes, nur eine Sekunde reichen oft, ein Gefühl zu erzeugen, das damit einmal verknüpft war. Musik versetzt uns intensiver in eine Erinnerung zurück, als beispielsweise ein Bild dies schaffen kann", erklärt Peter Vuust.

Sobald er das Beatles-Album Abbey Road hört, sieht er sich sofort in jener Bibliothek in Aarhus sitzen, wo er das Album als Junge gehört hat. Ob in seinem heimischen Sessel, am Kontrabass oder in einer Konzerthalle, Peter Vuust kann immer wieder völlig in seiner Musik aufgehen.

"Musik kann uns vergessen lassen, dass wir in unserem Körper und Geist gefangen sind."

Wie an diesem Abend mit Paul Simon.

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DREI SONGS ZUM THEMA

Paul Simon: Question for the Angels
Ein irres Lied. Eigentlich eine simple und schöne Ballade mit einer herausragenden Titelzeile. Aber man muss es einige Male hören, bis man das Lied verstanden hat. Dann stellt man fest, wie großartig es ist!”

 

Chet Baker: It Could Happen To You
”Das Erstaunliche ist, dass es niemanden gibt, der den Unterschied hört, wenn er Trompete spielt oder sein 'Scat'-Solo singt. Musik ist nicht nur Emotion. Es gibt auch verrückte Techniken, die einen umhauen.”

 

Pablo Casals: Bach: Cello Suites
Er ist zwar Cellist, spielt aber auf seine Art ziemlich schräg. Auf eine coole Art … Er strapaziert das Instrument bis zum Äußersten. Man kann das Material fast bersten hören. Ich liebe das.”