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Ein Hit hilft gegen Langeweile

Was hat eine Popqueen wie Britney Spears mit den schweren Jungs von Linkin Park oder einer taffen Sängerin wie Alanis Morrisette gemeinsam? Überraschend viel. Ihre Songs sind allesamt Hits von der Sorte, die ihre Fans zum Ausrasten bringen. Und wenn man mal genau hinhört, kriegt man auch mit, nach welchem überall gültigen Muster das funktioniert. Bei zarten Akkorden genauso wie bei harten Riffs …

Das Intro eines klassischen Songs ist niemals länger als 17 Sekunden. Dann folgt schon die erste Strophe und innerhalb einer Minute der Chorus oder Refrain. Die zweite Strophe wird oft aufwendiger arrangiert, manchmal größer orchestriert mit mehr Instrumenten oder es kommen Background-Sänger dazu. Die Spannung findet ihren Höhepunkt mit der „Bridge“, die in keinem Lied fehlen darf. Die Bridge setzt einen Kontrapunkt zum Liedthema und Refrain. Danach folgt meist noch eine Strophe, ein Outro hinterher und nach weniger als vier Minuten sind die meisten Songs schon vorbei.

”Es macht einfach Spaß einen richtigen Hit zu hören. Ohne dass du es merkst, bringt er dich irgendwie in eine andere Verfassung und schafft eine kollektive Wohlfühlatmosphäre" - Henrik Marstal 

Hardrock-Fans denken natürlich, dass sich ihre Lieblingsmusik absolut gar nicht vergleichen lässt mit Alanis Morissettes Balladen oder gar Britney Spears Pop-Nummern. Und umgekehrt. Doch dem klassische Songaufbau folgen sowohl Linkin Parks 'In The End', wie Morissettes 'Ironic' als auch Spears 'Baby One More Time'. Natürlich unterscheiden sie sich deutlich in Sound und Texten. Aber sie alle haben die eben genannte Struktur gemeinsam.

Alanis Morissette - ”Ironic”, Musikvideo.

Und das ist auch verständlich. Bewährte Muster verkaufen sich gut und machen die Leute glücklich. Der dänische Musikwissenschaftler, Produzent und Songwriter Henrik Marstal hat einiges darüber geschrieben. Zum Beispiel in einem Buch über die Geschichte der populären Musik ("Hitskabelonen - Against Pop Music"). Zusammen mit dem Musikproduzenten und Spieleautor Morten Jaeger untersuchte er dabei alle wichtigen Komponenten, die es braucht, um einen einfachen Song zum Hit machen.

 ”Es macht einfach Spaß einen richtigen Hit zu hören. Ohne dass du es merkst, bringt er dich irgendwie in eine andere Verfassung und schafft eine kollektive Wohlfühlatmosphäre" - Henrik Marstal 

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”Ein guter Song reißt sein Publikum mit, lässt aber alles Überflüssige weg. In genau jener Sekunde, bevor man anfängt sich zu langweilen, bietet er eine überraschende Wendung. In der ersten Strophe führt uns der Gesang vorsichtig an das Thema heran. Dann bauen sich die Emotionen langsam auf, mit starken Worten und Effekten wird die Geschichte erzählt. Schließlich lassen uns die Bridge und die Wiederholung des Refrains das alles noch einmal miterleben. So funktioniert kluge Musik

Wie in einem wilden Garten

Laut Henrik Marstal ist jeder Hit ein extrem durchkonzipiertes Kunstprodukt. Musik kann auch als Rohversion daherkommen: in einer Jamsession, bei der Bandprobe oder in improvisierten Versen zu einfachen Beats. Solche Aufnahmen vergleicht er mit einem verwilderten Garten. Verwunschen und chaotisch, was ganz bezaubernd wirken kann. Möchte man aber einen echten Charthit produzieren, sollte man vorher einen guten Plan haben, die wildesten Triebe zurechtschneiden, die schönsten Stellen gut präsentieren und genau wissen, was das Kunstwerk am Ende ausmachen soll.

”Tanzveranstaltungen dienten früher dem Kennenlernen – wie bei einem Heiratsmarkt. Das Tanzen war also ein Paarungsritual. Nach drei bis vier Minuten weiß man allerdings, ob die Chemie stimmt oder nicht." - Henrik Marstal 

Dass heute fast alle Musikgenres den beschriebenen Songaufbau nutzen, liegt einfach daran, dass er sich bewährt hat. Superstars wie die Beatles und die Supremes haben ihn in den 60er Jahren durchgesetzt. ABBA wie auch AC/DC und viele andere setzten die Tradition in den 70ern fort. Populäre Songs aus früheren Zeiten waren schlichter gestrickt, bestanden meist aus direkt aufeinander folgenden Strophen, danach eine kurze Bridge und am Ende noch eine Strophe. In den 1960er Jahren erst kam der Refrain dazu und mit ihm der große Erfolg.

Aber wer setzte diese merkwürdige Norm fest, nach der ein Song nur drei bis vier Minuten lang sein darf? Dafür gibt es eine technische Erklärung: die alten Schellackplatten konnten nicht viel längere Stücke wiedergeben. Und die Zuhörer gewöhnten sich an diesen Takt.

Henrik Marstal fand noch eine andere Theorie – auf dem Hintergrund der Volksmusik und ihrer sozialen Funktion:

"Tanzveranstaltungen dienten früher dem Kennenlernen – wie bei einem Heiratsmarkt. Das Tanzen war also ein Paarungsritual. Nach drei bis vier Minuten weiß man allerdings, ob die Chemie stimmt oder nicht. Falls nicht, dann gilt es keine Zeit zu verschwenden. Das Orchester spielt ein neues Lied und du wechselst den Partner. Diese praktische Konvention existierte schon lange bevor Tanzmusik auf Tonträgern erschien. So erklärt sich die Länge populärer Hits auf historischem Hintergrund.", erklärt er.

Marstals eigene Lieblingshits sind allesamt Klassiker, die ein wenig neben der Spur laufen. Als Beispiel nennt er The Cures 'Boys Don’t Cry' von 1979:

”Der Song hat alle klassischen Elemente. Aber voll gegen den Strich gebürstet. Erstens hat der Sänger Robert Smith überhaupt keine Stimme, die irgendeinem Massengeschmack entspricht. Zweitens merkt man sofort, dass die Band nicht daran gewöhnt ist, poppige Lieder zu machen. Ich mag es, dass sie sich selbst parodieren können, ohne ihre Authentizität zu verlieren.”

Take a sad song …

Kleine Abweichungen vom Schema sind wichtig, betont Marstal. Denn Hörgewohnheiten wollen zwar bedient werden, aber ein allzu starres Muster wird schnell ermüdend, wenn künstlerische Eigenarten fehlen. Oder der Mut, sich auch mal neu zu erfinden. Die Beatles begingen einen klaren Bruch am eigenen Songschema, als sie 1968 'Hey Jude' veröffentlichten.

Das Lied beginnt mit zwei Strophen, die Intensität steigt mit dem Einsetzen von Tamburin und mehrstimmigem Gesang. Dann folgt das so genannte B-Stück, die Drums setzen ein, der Spannungsbogen steigt weiter. In der dritten Strophe wiederum mehrere Choreinsätze, immer noch keine Auflösung, die Intensität nimmt weiter zu. Erst nach 3 Minuten und 22 Sekunden folgt die Erlösung: nicht durch einen Refrain, sondern durch ein sich wiederholendes C-Stück. Im Chor singen sie alle "Na-na-na-naa …", McCartney gospelt eine weitere Stimme oben drüber, zusätzlich setzen Bläser ein. Es dauert fast 4 Minuten bis dieser Teil langsam ausklingt. 'Hey Jude' führte über Wochen die Charts in den USA, Großbritannien, Deutschland und der ganzen westlichen Welt. Kein Wunder.

”Weil in diesem Lied die Spannung so unendlich lange immer weiter ansteigt, ist es so befreiend, wenn sie sich endlich auflöst. Daher können die Beatles auch so ein ewig wiederholendes Outro durchziehen. Die Wirkung ist umso stärker, als das Publikum ja fast nur noch kurze Hits kennt. Menschen brauchen aber auch Lieder, die sich die Zeit nehmen, das Leben mal richtig zu feiern. Und das schafft 'Hey Jude' in diesem wunderbaren Mitsing-Chor” sagt Henrik Marstal